Der 5G‑Ausbau ist nicht nur eine technische Aufrüstung des Mobilfunks – er verändert, oft schleichend, wie Daten in unseren Städten erzeugt, gesammelt und genutzt werden. Als Journalistin, die sich mit Politik, Sicherheit und digitalen Infrastrukturen beschäftigt, beobachte ich, wie Kommunen vor neuen Chancen stehen, aber auch vor Risiken für digitale Souveränität und Bürgerrechte.

Was 5G für kommunale Datenflüsse konkret bedeutet

5G verspricht vor allem: deutlich höhere Bandbreiten, geringere Latenz und die Möglichkeit, eine riesige Anzahl von Geräten gleichzeitig zu vernetzen. Für Städte heißt das:

  • Mehr Sensorik: Verkehrslenkung, Umweltmessungen, intelligente Straßenbeleuchtung und Parkraummanagement erzeugen kontinuierlich Daten.
  • Echtzeit‑Dienste: Ampelsteuerung, Notfallüberwachung oder autonome Fahrzeugkommunikation benötigen nahezu verzögerungsfreie Übertragungen.
  • Edge‑Computing: Daten werden nicht zwingend in zentralen Rechenzentren, sondern näher am Erfassungsort verarbeitet – technisch sinnvoll, zugleich aber eine neue Schicht der Verteilung von Datenhoheit.
  • Das Ergebnis ist ein dichter, vielschichtiger Datenstrom: Sensordaten, Videobilder, Telemetrie von ÖPNV‑Fahrzeugen, private Telemetriedaten von Nutzergeräten und Verwaltungsdaten der Kommune. Diese Flut verändert die Machtverhältnisse zwischen kommunaler Verwaltung, Netzbetreibern, Technologieanbietern und Bürgerinnen und Bürgern.

    Wer gewinnt und wer verliert Kontrolle?

    Beim Ausbau sehen wir verschiedene Akteur*innen mit unterschiedlichen Interessen:

  • Kommunen: Haben das Interesse an effizienteren Services, Kostenersparnis und besserer Infrastruktursteuerung. Ihre Kontrolle hängt davon ab, ob sie eigene Rechenkapazitäten und klare Datenstrategien aufbauen.
  • Telekommunikationsunternehmen (z. B. Deutsche Telekom, Vodafone, Telefónica): Liefern die Netzinfrastruktur und Plattformen. Sie können durch Endgeräte‑ und Netzdaten wertvolle Einsichten gewinnen.
  • Technologieanbieter (z. B. Anbieter von Smart‑City‑Plattformen, Analytics‑Firmen, Cloud‑Provider wie AWS, Microsoft Azure): Oft halten sie die Software, die die Daten fusioniert, analysiert und vermarktet.
  • Bürgerinnen und Bürger: Produzieren Daten – doch ihre Kontrolle ist ungleich verteilt, weil Nutzungsbedingungen, Verträge und Intransparenz häufig den Firmen zugutekommen.
  • Kurz gesagt: Ohne klare Regeln und aktive Gestaltung verlieren Kommunen und Bürger schnell den Überblick. 5G kann zur Verstärkung bestehender Abhängigkeiten führen, wenn Datenströme primär über kommerzielle Clouds und proprietäre Plattformen laufen.

    Wie Kommunen die Kontrolle zurückgewinnen können

    Es gibt konkrete Hebel, die Kommunen nutzen können, um Souveränität zu stärken:

  • Eigene Datenstrategien entwickeln: Kommunale Datenkataloge erstellen, Zugriffsrechte definieren und entscheiden, welche Daten lokal bleiben müssen.
  • Open‑Source‑ und Interoperabilitätsstandards fördern: Offene Schnittstellen verhindern Vendor‑Lock‑in und ermöglichen Austausch zwischen Systemen.
  • Edge‑ und Private‑5G‑Lösungen nutzen: Private Netze für kritische Infrastrukturen (z. B. Wasserwerke, Verkehrsleitstellen) bieten mehr Kontrolle als öffentliche Mobilfunknetze.
  • Kooperationen statt Auslagerung: Gemeinsame Rechenzentren oder kommunale Clouds, etwa in interkommunalen Verbünden, reduzieren Abhängigkeiten von internationalen Großanbietern.
  • Vertragsgestaltung verbessern: Kommunen müssen Datenhoheit, Auditrechte und Löschfristen vertraglich sichern — das geht nur mit juristischer Expertise und politischer Verhandlungsstärke.
  • Transparenz gegenüber Bürger*innen: Öffentlich zugängliche Dashboards, nachvollziehbare Datennutzungszwecke und einfache Widerspruchsrechte stärken das Vertrauen.
  • Praxisbeispiele – wo es funktioniert und wo nicht

    Einige deutsche Städte experimentieren bereits mit privaten 5G‑Netzen für den Hafenbetrieb oder die Industrieansiedlung. Dort lässt sich gut zeigen, wie lokale Netze sensible Daten innerhalb klarer rechtlicher Rahmen halten. Andererseits haben einige Smart‑City‑Projekte, die auf großen Cloud‑Plattformen laufen, eine Reihe von Problemen offenbart: fehlende Auditierbarkeit, unklare Datenweitergabe an Drittanbieter und intransparentes Datenmarketing.

    AnsatzVorteileRisiken
    Private 5G‑NetzeHohe Kontrolle, geringere externe AbhängigkeitKosten, technische Komplexität
    Public 5G + Cloud‑PlattformSchnellere Umsetzung, SkaleneffekteVendor‑Lock‑in, Datenschutzrisiken
    Interkommunale RechenzentrenKostenteilung, lokale SouveränitätKoordinationsaufwand, Governance‑Fragen

    Konkrete Maßnahmen, die ich den kommunalen Entscheidungsträger*innen empfehle

    Aus meinen Recherchen und Gesprächen mit Expertinnen und Experten ergeben sich mehrere pragmatische Schritte:

  • Frühzeitig Datenschutz‑ und IT‑Sicherheitsbeauftragte in Planungsprozesse einbinden.
  • Trennung von Daten nach Sensibilität: Sensible Infrastruktur‑ und personenbezogene Daten lokal verarbeiten; anonymisierte Telemetrie kann cloudbasiert analysiert werden.
  • Förderprogramme nutzen, aber zugleich Förderbedingungen an Datenschutzanforderungen knüpfen.
  • Bürgerbeteiligung stärken: Datenethik‑Räte oder öffentliche Konsultationen bei größeren Smart‑City‑Projekten.
  • Technologie‑ und Vertragsberater*innen einbinden, um reale Kosten und rechtliche Fallstricke zu bewerten.
  • Was Bürgerinnen und Bürger selbst tun können

    Als Nutzer*innen der städtischen Infrastruktur haben wir ebenfalls Handlungsmöglichkeiten:

  • Nachfragen stellen: Welche Daten sammelt die Stadt, wie lange, und wer hat Zugriff?
  • Gerätekompetenz stärken: Bei der Nutzung städtischer Apps darauf achten, welche Berechtigungen verlangt werden.
  • Lokale Politik adressieren: Ratsmitglieder und Verwaltung fragen, wie Datensouveränität in Projekten gesichert wird.
  • Engagement: In Arbeitsgruppen, Bürgerforen oder Datenschutzbeiräten mitwirken.
  • Technologie ist kein Selbstläufer – Politik entscheidet

    Technik allein löst keine politischen Fragen. Der 5G‑Ausbau verschiebt Macht über Daten – und damit über Entscheidungsspielräume und wirtschaftliche Wertschöpfung. Ob diese Verschiebung zugunsten einer transparenten, kommunal verankerten digitalen Infrastruktur oder eines kommerziell dominierten Modells verläuft, liegt an politischer Gestaltung: an Beschlussvorlagen in den Rathäusern, an Ausschreibungsbedingungen, an Förderkriterien und an gesellschaftlichem Druck.

    Ich beobachte mit Sorge, wie oft verlockende Fördergelder oder schnelle Pilotprojekte dazu führen, dass langfristige Souveränitätsfragen hintangestellt werden. Gleichzeitig sehe ich zahlreiche engagierte Verwaltungen, die wirklich durchdachte Konzepte entwickeln — mit dem klaren Ziel, dass Daten den Bürgerinnen und Bürgern dienen und nicht umgekehrt.

    Wenn Kommunen jetzt ihre Datenarchitekturen, Vertragsbedingungen und Governance‑Modelle systematisch überarbeiten, entsteht eine Chance: 5G kann zur Grundlage einer kommunalen digitalen Souveränität werden – wenn wir diese Gelegenheit nutzen, statt sie privaten Plattformen zu überlassen.